WalexRituale

Die Ritualisierung von Umgangsformen im Internet am Beispiel einer Musik-Community

Ritualergänzungen

(c) Indiera Schnakhi, Marburg, 15.02.2006

Der Gegenstand meines Essays sind Rituale im Internet. Am Beispiel der Kommunikationsplattform WLX werde ich erörtern, wie kraft von Ritualen ein Forum entstehen konnte, das in seiner Form einzigartig ist, weil es ohne Moderator, unter Mitwirkung aller und trotz mehrere Existenz-Gefährdungen in der Vergangenheit funktioniert. Die meisten User, die vor einigen Jahren schon dabei waren, sind heute noch aktiv und sehen keinen Anlass – in etwa wegen eines Interessenwandels – das Forum zu verlassen. „Abwanderungen“ geschehen meist aus Gründen wie dem Wechsel zu einem Job ohne Internet-Anschluss oder plötzlichem Verlust des heimischen PCs. Meinungsverschiedenheiten führen nur zu temporärer Abwesenheit. Ich werde zunächst zum besseren Verständnis der Randbedingungen die Geschichte des Forums auffächern. Anschließend werde ich die Formen darin praktizierter Rituale herausarbeiten und auf dem Hintergrund der wechselnden Situationen beleuchten, welche Veränderungen die jeweiligen Rituale erfahren haben und wie alte Rituale verworfen wurden während neue entstanden sind. Abschließend werde ich zeigen, wie diese Rituale zur Stabilität der Internet-Community beitragen.

Im Internet-Forum einer bundesweit erscheinenden Musikzeitschrift war Ende 2003 von Seiten der Administratoren ein Relaunch geplant. Das Forum war überdurchschnittlich gut besucht was unter anderem daran lag, dass die Baumstruktur der Threads im 3-Frame-System es ermöglichte, die Beschränkungen eines herkömmlichen Forums zu verlassen. Die User konnten an der Baumstruktur sehen, wer zuletzt auf ihr Posting geantwortet hatte und mussten nicht mühsam eine List unzuweisbarer Antworten herunterscrollen. Der Refresh-Button wurde in sehr kurzen Abständen angeklickt, weil so viele User online waren, dass die sich Mitteilenden mit Antworten im Sekundentakt rechnen konnten, theoretisch jedenfalls war das möglich und war abhängig vom Brisanz-Grad des Thread-Themas. Diese Forumsstruktur führte dazu, dass die User das Forum praktisch als Chat nutzten konnten. Der Vorteil im Gegensatz zum Chat lag darin, dass die Diskussionsteilnehmer nicht Gefahr liefen, eine Antwort oder ein Statement zu verpassen, wenn sie sich von ihrem Chatplatz entfernten. Jederzeit bestand die Möglichkeit, auf die Antwort auf sein Posting zuzugreifen. Die Community wurde von vielen Usern mehrere Stunden täglich als Informations-, Kommunikations- und Inspirations-Plattform genutzt. Die Threads beschränkten sich keineswegs, wie man annehmen könnte auf Musik, sondern wurden von vielen auch als exhibitionistisches Tagebuch, Ratgeber, Tauschbörse, Treffpunkt und kreativer Raum genutzt. Die Kommunikation war geprägt von einem persönlichen, zuweilen recht groben Ton und war frei von jeglicher „Netiquette“. Viele User kannten sich untereinander, da sie regelmäßig Forumstreffen auf von der Musikzeitschrift organisierten Parties oder Festivals veranstalteten. Diese Community, die wie oben beschrieben weit mehr verband als eine Schnittmenge von (musikalischen) Interessen, sah nun mit dem nahenden Relaunch ihre Existenz im virtuellen Lebensraum bedroht. Während der „Bauarbeiten“ an der neuen Forumsstruktur verlagerten die User sich in ein anderes Forum, welches jedoch nur als vorübergehende Notlösung akzeptiert wurde. Überraschend tauchte dann ein Link zu einem Forum auf, das gerade von einem mitlesenden Programmierer auf die Beine gestellt worden war. Es war ihm gelungen, dass 3-Frame-System zu rekonstruieren und er war bereit, der Community seinen Webspace zur Verfügung zu stellen. Die Botschaft hatte sich so schnell herumgesprochen, dass die ganze Besatzung des Forums binnen kürzester Zeit „übersiedelte“. Als die Seite der Musikzeitschrift endlich wieder online war, mussten die User mit Entsetzen feststellen, dass von den Besonderheiten ihres Forums nicht viel übrig geblieben war. Die Baumstruktur wurde aufgehoben, die Userpages, die jedem User zunächst qua Mitgliedschaft zur freien Gestaltung der Selbstinszenierung zur Verfügung gestanden hatten, waren nun in das Layout der Seite eingebunden und setzten den kreativen Möglichkeiten enge Grenzen. Selbst die neue Farbgebung der Seite bot einen Anlass zu Protesten der Alteingesessenen. Was zunächst als Witz rotierte, wurde nun von allen einstimmig beschlossen: die Seite des Musikmagazins konnte man getrost vergessen, das Not-Forum würde zum neuen Treffpunkt der Community werden. Nach und nach wurde das Forum dank technischer Fortschritte immer mehr dem alten angepasst. Schon bald gab es auch dort die Möglichkeit, User-Pages anzulegen. Es bestand sogar die Option, einen Weblog zu führen. Zum großen Teil waren sich die User darüber einig, dass die neue Heimat die alte übertraf und sie dort bleiben würden. Das Glück währte in etwa ein Jahr, es kam zu Problemen mit dem Server und zu häufigen Totalausfällen, zudem hatte der Betreiber des Forums sich unerwartet aus dem Staub gemacht und nie wieder von sich hören lassen. Es musste erneut ein neues Forum her. Dank der Ideen und der technischen Kompetenzen einiger engagierter User entstand rasch ein neues Forum. Die aktuelle „Rettungs-URL“ verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Neu war an der aktuellen Situation, dass die Betreiber der Seite selbst Forumsteilnehmer waren, in deren Interesse es war, keine Administrator-User-Hierarchien entstehen zu lassen. Über Neuerungen und Gestaltung des Forums stimmten die User demokratisch ab. Auf diese Weise einigten sie sich beispielsweise über den Namen für die Community, das Layout der Seite und die Einführung diverser Smileys. Besondere Verantwortlichkeiten kamen jeweils demjenigen zu, der gerade Spezialist auf einem bestimmten Gebiet war und sich bereit erklärte, einen Beitrag zum Fortbestand der Community zu leisten, beispielsweise in Form der Gestaltung von T-Shirts oder Icons oder der Lösung eines technischen Problems. Das Forum funktioniert nach diesen solidarischen und demokratischen, manche würden sagen: anarchistischen Prinzipien. Heute ist das Forum sehr gut besucht und immer mehr neue User stoßen hinzu. Beim Jahrespoll der Musikzeitschrift, deren Forum die User einst nutzten, kam es überraschend für alle auf Platz 6 der besten Musik-bezogenen Websites.

Wie kam es aber dazu, dass der bemerkenswerte Zusammenhalt der Gruppe mit jeder Krise wuchs und bis heute fortbesteht? Durch welche Besonderheiten unterschied dieses Forum sich von anderen Foren, dass die User sich in solchem Maße mit ihrer Plattform identifizierten? Und was führte dazu, dass es vielen Usern so schwer fällt, auf regelmäßige Interaktion in der Community zu verzichten? Meine These ist, dass besondere Rituale wesentlich zur Stabilität der Gruppe beitrugen und immer noch beitragen, die unter eigentlich unorganisierten Umständen für Ordnung sorgen. Der Einfachheit halber werde ich von den Phasen des Forums als von Forum1, Forum2 und Forum3 sprechen. Folgende Besonderheiten könnten hierbei für die Unterscheidung und ein besseres Verständnis der Bedingungen in den jeweiligen Foren von Interesse sein.

Forum 1Forum 2Forum 3
HierarchieEingebettet in die Kommunikationsrubrik auf der Website einer großen MusikzeitschriftKein kommerzieller Zusammenhang, für die breite Öffentlichkeit uninteressant, URL ohne Bezug zum InhaltKompetente User fungieren als Administratoren, Entscheidungen werden demokratisch getroffen, die Community tauft sich selbst
AutonomieTechnik von außen vorgegebenAbhängigkeit vom Wohlwollen und der Zeit des Administrators„Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut“ – ein Songzitat, das öfters in diesem Zusammenhang gefallen ist, absolute Autonomie
GruppenzielForum tendenziell dem Bezug entsprechend Musik-orientiertErhebt offiziell keinen Anspruch, ein Musikforum zu seinForum hat sich gänzlich verselbständigt und definiert sich nicht über einen thematischen Schwerpunkt, sondern über sich selbst und seine Rituale
KontrolleRegelmäßiges Mitlesen der Redakteure und ggf. Einschalten, meist im Fall von Kritik der neuen AusgabeKeine „Sanktionen“ seitens der Redakteure bei Kritik oder Krawall, dennoch sind die Redakteure hin und wieder zu Gast, da nach wie vor Themen wie die neue Ausgabe diskutiert werden.Gelegentliches Mitlesen der Redakteure, Umgang freundlich, mittlerweile Anerkennung für das Erreichte bis hin zu Nachahmung (!)
SelbstdarstellungUser-Pages mit Gestaltungsmöglichkeiten wie Upload von Bildern, freie Wahl der Hintergrundfarbe und der Schriftart, GästebuchUser-Pages (extern) mit vielen Gestaltungsmöglichkeiten, Gästebuch und WeblogUser-Pages (intern), nur wenig Gestaltungsmöglichkeiten, dafür praktischer Zugriff auf die Seiten, Gästebuch mit „private message“-Funktion
TechnikBaumstruktur, 3-Frame-SystemForum 1 nachempfundenIn Grundzügen Forum 1 nachempfunden mit zahlreichen Verbesserungen und „Specials“
IdentitätNach dem Relaunch: vertikale Struktur, ungewohntes Farbschema, geringe BenutzerfreundlichkeitDiverse Neuerungen wie eine „Wer ist online?“-Liste, Umfragen, marginale Chat-FunktionEigenes Logo und „Fan-Serie“ die T-Shirts, Tassen und Mousepads umfasst. Smileys, viele Neuerungen wie Umfragen, Statistiken, der Ego-Button (ein Button der dem User anzeigt, wer wo in welchem Thread auf sein Posting geantwortet hat) und der Egobutton-LC (Läster-Check) der es ermöglicht, Postings zu finden, in denen der eigene Nickname auftaucht
AnonymitätUmfangreiche Anmeldung mit Angabe von Adresse und Ausfüllen eines Fragebogens zum Zwecke der MarktforschungUnumständliche Anmeldung (deshalb viele Zweitnicks)Weiterhin unumständliche Anmeldung, die User wechseln häufig ihre Nicks, selbst die, die Nickwechsel in Forum 1 „albern“ fanden

Unter Ritualen verstehe ich im Zusammenhang dieses Essays alle virtuellen und realen Handlungen von bei WLX registrierten Usern, die durch Wiederholung, Frequenz und ein gemeinsames Wertesystem bzw. einen gemeinsamen Konsens als Grundlage dieser Handlungen gekennzeichnet sind, und die die Funktion erfüllen, Stabilität zu erzeugen, indem sie den Akteuren eine Identität als Forumsteilnehmer zuweisen und diese immer wieder bekräftigen und zementieren. Dabei ist von einer grundsätzlichen Wandelbarkeit der Rituale unter wechselnden Umständen auszugehen. Aufgrund der unüberschaubaren Anzahl der bei WLX praktizierten Rituale erlaube ich mir, zwischen mehreren ausgewählten und eigens definierten Ritualformen zu unterscheiden. Zunächst ist zwischen „real life“-Ritualen und virtuellen Ritualen zu differenzieren. Die „real life“-Rituale spielen insofern eine Rolle, als dass sie nur aufgrund des Bezugs zum Internet existieren und erheblich dazu beitragen, dass die Community sich als Gruppe identifiziert. Der Schwerpunkt meiner Erörterung liegt jedoch auf den virtuellen Ritualen mit den folgenden Untergruppen (ich habe nur einige herausgegriffen): Rituale der Selbstentblößung, Rebellions- und Traditions-Rituale, Alltagsrituale, kollektive Selbstbestätigungsrituale sowie Rituale als Sprechakte, hier: Schreibakte.

Rituale der Selbstentblößung Eine dramatische Bedeutungsverschiebung haben Selbstentblößungsrituale erfahren. Darunter verstehe ich das regelmäßige Offenlegen von inneren Regungen in einem Thread zum Zwecke der Selbstdarstellung, Signalisieren von Hilfsbedürftigkeit oder bloßem Drang, sich mitzuteilen. In Forum1 waren Selbstentblößungsrituale noch verpönt mit der Begründung, dass so etwas nicht in ein „öffentliches Forum“ gehöre. User, die regelmäßig ihren Seelenhaushalt nach außen trugen, mussten damit rechnen, verspottet zu werden, war das angesprochene Problem noch so ernst. Aufrichtige und mitfühlende Antworten jedoch trugen dazu bei, dass viele User trotz regelmäßiger Häme die Möglichkeit nutzten, ihr Leid der Chance auszusetzen, von vielen mehr oder weniger anonym agierenden Menschen kommentiert zu werden. Interessanterweise änderte sich diesbezüglich vieles in Forum2. Ein Grund dafür mag die Illusion gewesen sein, dass Forum2 nicht in der Weise „öffentlich“ war wie Forum1 und man unter sich war, abgeschlossen vom Rest der virtuellen Welt. Akte der Selbstentblößung wurden zunehmend akzeptiert und von immer mehr Usern praktiziert. Der Zynismus verschwand fast gänzlich und einige ernste Themen wiesen trotz über 500 Antworten keine einzige demütigende auf. Das mag viele dazu ermuntert haben, immer offener zu werden, so dass in Forum3 Selbstentblößungsrituale an der Tagesordnung sind und niemanden ernsthaft empören, es sei denn jemand mit einem von der Gruppe nicht akzeptierten Habitus postet etwas Privates, das moralisch nicht vertretbar ist. Die Grenze wird zumeist dort gezogen, wo eine ahnungslose Person, die dem Forum nicht bekannt ist, öffentlich diffamiert wird oder die postende Person in den Augen der Etablierten (dieser Kreis setzt sich aus über-30-jährigen Stammusern zusammen, die ein besonders schneidiger Humor auszeichnet) einen spöttisch sogenannten „Unterschichtenuser“ darstellt, ein Community-Mitglied ohne Abitur und eine Idee von intelligentem und wenn nicht intelligentem dann wenigstens dezentem Auftreten. Selbstentblößungsrituale in Forum3 sind von unterschiedlicher „Schwere“. Es gibt sehr lange Beiträge, die darum bemüht sind, eine komplexe Situation darzustellen mit der Bitte um Lösungsvorschläge und reflektierte Kommentare. Andere Threads dienen dazu, seine aktuelle Gemütslage kundzutun, Beispiele wären der ängstlich erwartete Zahnarztbesuch, eine bestandene Prüfung, Euphorieschübe aufgrund guten Wetters, der Erwerb einer neuen Platte, die misslungene Party am Wochenende, usw. Die User antworten auf diese Art Thread zumeist mit Anerkennung, Mitgefühl, Zuspruch, eigenem Erfahrungsbericht, Trost, Anteilnahme und nur selten mit Spott, was allerdings sehr stark von der Beliebtheit des jeweiligen Users abhängig ist. User z.B., die traditionell den Eindruck erwecken, zu viel von sich selbst zu halten und mit der Offenlegung ihres Innersten bloß Aufmerksamkeit erregen wollen, stehen nach wie vor nicht in der Gunst der User. Sie werden kollektiv abgelehnt, oft auch mit wiederkehrenden Phrasen, die eigens für den unbeliebten User geschaffen wurden und selbst in Situationen, in denen er nicht so agiert, wie andere es von ihm gewohnt sind, bekommt er diese zu hören. Diese Akte stärken das elitäre Selbstbewusstsein einiger User-Gruppen und tragen zu einer Trennung zwischen „Etablierten“ und „Außenseitern“ bei. Der gelockerte Umgang mit Persönlichem ist auch dem Umstand zu verdanken, dass User „GeilerThread/GEILENSREDS“ sich darauf spezialisiert hat, täglich einen „Mitmach-Thread“ von schlichter oder opulenter Gestalt zu eröffnen. Das Spektrum reicht von Fragen wie „Welches Duschgel benutzt ihr?“ bis zu Aufforderungen, User zu zeichnen, einzuscannen und das Ergebnis im Thread zu präsentieren. Die hohen Teilnehmerzahlen und die positiven Erfahrungen mit der „kreativen Entblößung“ bezüglich des Feedbacks haben die User immer mehr ermuntert, sich darzustellen. Threads dieser Sorte ziehen die meisten Menschen an und es entsteht sogar eine Art Gruppenzwang, die auch diejenigen darin posten lässt, die gern die Position des Unnahbaren für sich beanspruchen. Die User nutzen die Chance für eine Selbstdarstellung, die nicht von ihnen selbst ausgeht sondern sich als unverfängliche Antwort auf eine Frage tarnt. Regelmäßig hat dieser Thread Kindheitserinnerungen zum Inhalt und schweißt die Forumsmitglieder zusammen als sozialisierte Einheit, weil sie auf ein ähnliches Sammelsurium an kulturellen Erfahrungen und zeitspezifischen Objekten zurückgreifen kann. Viele Threads der Marke „Selbstentblößung“ sind schon längst zur Serie geworden. So gab es früher bekennende Verliebtheits-Threads wie „Das Mädchen aus der Selbsthilfegruppe/imBus/an der Wursttheke“ etc oder allnächtliche Threads einer einzelnen Gruppe von Menschen, die sich über die Eigenheiten musikbezogener Subkulturen mokierten. Diese Threads trugen – ihren Gegenstand persiflierend - den Titel „Hospital der Traurigkeit“. Ihre eigenen Threads haben auch die Österreicher, Fans von Pearl Jam und Spammer, um die es im nächsten Abschnitt geht.

Rebellionsrituale Diese Art Ritual wird von Usern praktiziert, die sich vom „Durchschnittsuser“ abheben wollen, indem sie demonstrieren, dass sie nicht zur Harmonie im Forum beitragen wollen oder dass sie nicht den Konformitätsregeln im Forum zu folgen willens sind. Die häufigste Form von Rebellionsritualen ist das „Spammen“. Dazu werden in kurzer Zeit sehr viele sinnlose, provokante oder mit einem Anti-Konzept ausgestattete Threads eröffnet mit dem Ziel, die Thread-Ordnung durcheinander zu bringen (der Thread mit der neusten Antwort steht immer oben) und anderen das gewohnte Posten zu erschweren. Manchmal kann auch ein Überfluss an Emotionen für einen „Anfall“ dieser Sorte sorgen. In Forum1 kamen Spam-Aktionen meistens nachts vor. Am nächsten Morgen fand der frisch eingeloggte User einen Berg von „Müll“ vor, unter dem die für ihn wichtigen Themen begraben lagen, die mühsam geborgt werden mussten. Einen besonderen Reiz hatte das Spammen in Forum1 wohl auch wegen der Kontrolle der Redakteure, die oftmals eingriffen und damit für „Action“ sorgten. In Forum2 wurde das nächtliche Spammen salonfähig. Eine ganze Gruppe, deren Lebensrhythmus es erlaubte, den Tag kurz nach Mitternacht zu beginnen, traf sich regelmäßig zu kreativem Spammen. Ganz sinnlos ging es darin nicht zu. Die betroffenen Threads erfüllten den Zweck, die Mitglieder der Gruppe anzulocken, zu signalisieren, dass man online war und bereit zu handeln und sich dort freien Insider-Gesprächen hinzugeben sowie der Kreation neuer Smileys, dem Posten grotesker Links, dem Imitieren wenig geschätzter User, usw. Forum3 hat zur Auflösung der oben beschriebenen Gruppe geführt. Die Einführung von vorgegebenen (Pixel-)Smileys dämpfte das kreative Potenzial und nicht zuletzt das Kommunikation anregende Konfliktpotenzial. Die Smileys hatten die Macht, Spannungen zu entschärfen indem sie alles ironisierten. Außerdem hatten sich bereits in Forum2 etliche User der Gruppe angeschlossen, die dort nicht willkommen waren, weil sie den Standards der sich selbst als elitär erlebenden Gruppe nicht genügten. Der Wunsch nach Distinktion, und darin offenbart sich ein wesentlicher Zweck dieses Rebellionsrituals, hatte letztlich gesiegt.

Alltagsrituale Ein Ritual, das jeden Tag mit 100%iger Sicherheit vollzogen wird, ist der GutenMorgen-Thread. Er wird von demjenigen eröffnet, der als Erster wach ist und sich zur Threaderöffnung berufen fühlt. Die Threadtitel werden verniedlicht mit „GuMo am MiMo“ (Guten Morgen-Thread am Mittwoch-Morgen) und der Inhalt ist die momentane Geistesverfassung oder der Tagesplan des Users. Ohne Bezug auf das Ausgangsposting zu nehmen, posten die User ihre Gemütslagen, Tagespläne und sonstigen Anmerkungen. Eine besondere Praxis hat sich im Zuge der Einführung von Smileys durchgesetzt: das Orakel. Die Liste der Smileys, die den Usern zur Verfügung steht, ist sehr lang und umfasst alle Facetten menschlichen Empfindens und Erlebens in Zeit und Raum. Alle Situationen und Emotionen werden durch die sehr verschiedenen Smileys unterschiedlichen Humor-Grades abgedeckt. Mit der Idee, einen „random-Button“ einzuführen, der erst nach Abschicken des Postings ein ungewisses Smiley setzte, kam der Trend auf, in GuMo-Threads Orakel zu spielen. Hierzu stellten User Fragen zu ihrem Tagesverlauf und setzen ein „:random:“ dahinter; die Antwort auf ihre Frage in Form eines aussagekräftigen Smileys. Diese Praxis ist mittlerweile so beliebt, dass sie sich fest etabliert hat und von fast allen Usern regelmäßig, wenn nicht gar täglich – als morgendliches Ritual – praktiziert wird. Den GutenMorgen-Thread gab es schon in Forum1, aber er trug noch nicht die Züge eines Rituals. An manchen Tagen gab es ihn, an manchen nicht. Er richtete sich nicht an alle, sondern nur an die „Clique“ des Threaderöffners. Eine frühe Form des GuMo-Rituals war in Forum1 der „tägliche Spiegel-Link“-Thread, ein Thread mit einem Link zu einem aktuell brisanten Thema, das hernach diskutiert wurde. Diese Tradition besteht heute nicht mehr in ritualisierter Form.

Traditionsrituale Darunter verstehe ich Rituale, die zu besonderen Anlässen auftauchen, also nicht in den Alltag eingebettet sind. Dazu zählen Geburtstags-Threads, in denen den Geburtstagskindern aus dem Forum von vielen Usern gratuliert wird. In Forum1 sammelte der unbekannte User „BIRTHDAY“ die Geburtsdaten auf seiner Userpage. User, die noch nicht auf der Liste standen, konnten sich im Gästebuch mit ihrem Geburtsdatum eintragen. Die Threads wurden pünktlich von „BIRTHDAY“ eröffnet. In Forum2 lebte diese Tradition fort. Allerdings war eine Seite, auf der alle Geburtstage versammelt waren, nicht mehr nötig. Die User waren inzwischen miteinander vernetzt via ICQ, E-Mail oder „real life“. Es kam selten vor, dass jemand nicht in einer Beziehungskette steckte und zu niemandem Kontakt hatte, der um Mitternacht einen Geburtstagsthread für ihn aufmachte. In Forum3 werden Geburtstage immer noch auf diese Weise gefeiert. Eine Tradition haben auch „Todesthreads“, die eröffnet werden, wenn eine bedeutende prominente Person gestorben ist. Die Gleichförmigkeit dieser Threads zeigt sich darin, dass es immer zum gleichen Konflikt kommt: ein User gibt kund, dass ihm der Tod des Verstorbenen gleichgültig ist, weil er die Person nicht persönlich kenne, worauf andere gegen die Grobheit der Aussage protestieren und mit dem Rohling einen Diskurs ohne Chance auf einen Konsens führen. Eine junge Tradition stellt der Forums-Sampler dar. Ein User sammelt die Lieblings-mp3s ausgewählter User ein und stellt daraus einen Sampler zusammen, den man herunterladen und während des Reinhörens oder danach für alle einsehbar bewerten kann.

Kollektive Selbstbestätigungsrituale Die kollektiven Selbstbestätigungsrituale sind solche, die für die User keinen anderen Zweck erfüllen, als sich regelmäßig als Mitglied dieser „Wertegemeinschaft“ zu profilieren, sprich: zu bestätigen – sich selbst und anderen – dass man die verbindende Leidenschaft des Musikhörens miteinander als Gruppe teilt. Ein typisches Ritual ist hier der „now playing“-Thread, in den jeder postet, was er gerade hört. Diese Threads erreichen die höchsten Antwortzahlen, obwohl sie von keinerlei inhaltlichem Interesse sind und die einzelnen Postings nur sporadisch kommentiert werden mit anerkennender Huldigung eines Mitlesers für die eben genannte Band oder einen speziellen Song. Der „now playing“-Thread ist das Ritual, das sich im Laufe der Zeit überhaupt nicht verändert hat. Auch wenn der explizite Bezug zu musikalischen Inhalten bei Walex fehlt, versteht die Community sich selbst als Zirkel von Musik-Fans. In Forum 1 und 2, wo die Userpages noch extern waren, gab es regelmäßig „Update-Threads“, in die jeder postete, auf wessen Seite sich etwas verändert hatte. In Forum3 mit seinen internen Userpages gibt es dieses Phänomen nicht mehr. Seit es die Möglichkeit gibt, seine persönliche Statistik einzusehen, also zu lesen, welchen Usern man am häufigsten geantwortet hat und umgekehrt, wie aktiv man diesen Monat im Vergleich zum vorherigen Monat gewesen ist, usw. besteht der Usus, seine Daten in der Art eines „now playing“-Threads zu posten. Solche Threads sind für niemanden von Interesse und daher nicht viel mehr als Spam, trotzdem finden sie reichlich Nachahmer und Mitwirkende. Eine noch extremere Form des kollektiven Spams besteht darin, einen ganzen Batzen Orakel-Smileys und „:random:“-Text in einem Posting unterzubringen in der eitlen Hoffnung, dass etwas Lustiges dabei herauskommen könnte. Häufig ist dieses Spammen aber einfach nur sinnloser Zeitvertreib der nebenbei die eigene Präsenz – wenngleich ohne Inhalt – nach außen trägt und womit der User den Anderen signalisiert, dass er zur Interaktion bereit ist (potenziell).

Sprachliche Rituale Neben diesen Ritualen, die sich allesamt auf bestimmte Handlungen in bestimmten Arten von Threads konzentrieren, gibt es auch sprachliche Rituale, Phrasen, die in bestimmten Situationen und zu bestimmten Anlässen immer wiederkehren und die als forumsspezifisch empfunden werden. Meistens haben diese Phrasen einen forumsgeschichtlichen Hintergrund. Nachdem zum Beispiel ein User in Forum2 einen vorwurfsvollen, recht hölzern formulierten Thread namens „Mein Standpunkt!“ eröffnet hatte, ist dieser Ausruf nun in Forum3 überall dort zu finden, wo jemand kundgibt, dass er anderer Meinung ist als der Rest. Das führt automatisch zur vorzeitigen Entschärfung eines Konfliktes, da in dem Bezug automatisch Ironie mitschwingt. Es gibt eine ganze Menge von Standard-Antworten, die gleich von mehreren Usern automatisch gepostet werden, sobald ein bestimmter Sachverhalt auftaucht. Postet z.B. jemand ohne sein eigenes Wissen alte News, lautet die Antwort knapp: „Zyklisch.“ Ist ein Thread um Provokation bemüht und lässt amüsante Antworten erwarten, heißt es: „Mist. Alle guten Antworten schon weg.“ Hat auf einen Sub-Thread ein überdurchschnittlich großer Anteil von Usern geantwortet, ist unten zu lesen: „Posting nun auch von mir.“ Nervt ein User mit seiner Präsenz, wird ihm ein „User XY rausvoten.“ In den Thread gesetzt. Solche standardisierten Phrasen machen Verhalten kalkulierbar und entlasten denjenigen, der einen Fehler begangen hat. Antworten, die zum Standard gehören, werden nicht als Angriff interpretiert und als erwartet hingenommen. Es würde den Rahmen dieses Essays sprengen, auf die restlichen sprachlichen Besonderheiten im Forum einzugehen.

Real Life-Rituale Zu guter letzt sollen kurz die „real life“-Rituale zur Sprache kommen, die praktiziert werden, wenn die User einander im wirklichen Leben begegnen. Gelegenheit zum Kennenlernen boten einst von der Musikzeitschrift organisierte Parties, die zu Zeiten von Forum1 immer in derselben Stadt stattfanden und später auf mehrere Städte in Deutschland ausgeweitet wurden, was zur Folge hatte, dass das Ritual, sich auf dieser Party zu treffen (und am nächsten Tag in einem langen Thread seine Eindrücke über die User zum besten zu geben), langsam erstarb. Dafür fanden sich andere Gelegenheiten, wie Festivals oder Konzerte, auf denen die User einander (zwingend) trafen. An den Wurzeln wird, wo die Möglichkeit dazu besteht, jedoch festgehalten: sind Vertreter der Musikzeitschrift mit einem Stand, Zelt oder sonstigen Repräsentationsgelegenheiten vertreten, bietet diese Stelle den gemeinsamen Treffpunkt. Die Gespräche unter Usern, die einander noch nicht persönlich kennen, verlaufen immer nach demselben Schema: man klärt, seit wann man in der Community aktiv ist, welche anderen Nicks man ggf. früher hatte, welche User man schon persönlich getroffen und wie man sich einander vorgestellt hatte. So verwundert es kaum, dass es zwischen den Usern zu keinen nennenswerten Antipathien kommt, die sich auch nachteilig auf die weitere unbekümmerte Aktivität im Forum auswirken könnten.

Fazit Die bei WLX praktizierten Rituale führen dazu, dass die User sich mit ihrem Forum identifizieren und ihre Internet-Aktivität fest in ihren Alltag einbinden. Für viele User, deren Leben aufgrund ihrer Jobs oder der Arbeitslosigkeit nicht klar strukturiert ist, schafft das Forum mit seinen wiederkehrenden Ritualen ein Gefühl von Eingebundenheit und Sicherheit. Menschen, die viel Zeit im Internet verbringen, sind mit einer höheren Wahrscheinlichkeit introvertierte oder stille Persönlichkeiten, die kreative und durchdachte Kommunikation mehr schätzen als ein reales Zusammensein mit Freunden und Bekannten. Für diese Menschen ersetzen manche Rituale im Forum den Stammtisch, die gesellige Kaffeepause, manchmal sogar den gemeinsamen Fernsehabend, wenn im Forum ein laufender Film angepriesen wird der nach Ablauf in einem Thread diskutiert wird. Traditionsrituale wie der Geburtstagssthread oder das Bewerten von Forumssamplern bieten einen Anlass, wiederzukommen. Das Forum lässt sich auch mit einer Soap Opera vergleichen, die den Zuschauern, hier: Forums-Teilnehmern täglich eine Welt bietet, in der sie sich bestens auskennen, wo sie das Handeln der Charaktere einschätzen können und in der sie eine fortwährende Entwicklung erleben können obwohl diese Welt sich doch selbst immer wieder neu reproduziert. Selbst User, die nichts mitzuteilen haben außer ihren momentanen Hörgewohnheiten haben zumindest die Garantie, dort Menschen zu begegnen, die durch ebensolches Posten musikalischer Vorlieben Verbundenheit mit der Gruppe demonstrieren. Die oft auf Self-Help-Büchern gedruckte Phrase „Menschen/Paare/Kinder/wir alle usw. brauchen Rituale“ bestätigt sich als These für unsere Zeit. In einer Lebenswelt die geprägt ist von zunehmender Individualisierung, Vereinzelung und den Zerfall von Traditionen und festgeschrieben, nicht hinterfragten Ordnungen, sucht das menschliche Bedürfnis nach Orientierung auf der alternativen, von gesellschaftlichem Wandel unberührten Ebene des Internet nach Erfüllung.

JETZT ENDE!!!!