Apes Hausarbeit

Update: Note übrigens 1,0.

Ist super angekommen, Poritz!

Let the Korrektur begin!

Andreas Kuhlmann Matr.-Nr. 0112904

Prof. Dr. phil. Iris Denneler SoSe 2006 „Kurt Drawert - melancholischer Grenzgänger, Sprachskeptiker, Zeitseismograph“

Hausarbeit

Bertolt Brecht und Kurt Drawert – Kunst, Lokalität und kreative Differenzen

Inhaltsverzeichnis

Interpretation: „An die Nachgeborenen“ von Bertolt Brecht Seite -03- Interpretation: „Revolutionen. Letzter Stand“ von Kurt Drawert Seite -08- Einordnung in die jeweilige Phase der Autoren Seite -10- Vergleich Seite -12- Fazit Seite -15- Quellen Seite -18- Anhang Seite -19-

Interpretation: „An die Nachgeborenen“

Das zwischen den Jahren 1934 und 1938 verfasste „An die Nachgeborenen“ von Bertolt Brecht ist ein politisches Gedicht, das eine Stellungnahme Brechts zum Nationalsozialismus aus seiner Exilperspektive darstellt. Neben dem hauptsächlichen Oberthema der damals aktuellen Bewältigung der gesellschaftlichen Gegenwart des eigentlichen Heimatlandes des Autoren enthält der Text darüber hinaus noch die eigentliche, titelgebende Botschaft „an die Nachgeborenen“, die sich auf Vergangenheit und selbstverständlich insbesondere die Zukunft bezieht. Bertolt Brecht als Autor und das lyrische Ich scheinen bisweilen identisch zu sein.

Auffälligstes äußerliches Merkmal des Gedichtes ist zweifellos die Einteilung in drei Abschnitte. Diese drei Abschnitte sind mit lateinischen Ziffern durchnummeriert, der erste Abschnitt enthält einen einleitenden Satz und fünf darauf folgende Strophen, die zwei weiteren Abschnitte enthalten jeweils vier Strophen. Nahezu Strophen sind reimfrei gehalten, rhythmische Auffälligkeiten gibt es bisweilen keine. Sprachlich wirkt das Gedicht dadurch eher schmucklos und doch pathetisch. Satzenden und Satzzeichen wirken willkürlich gesetzt und halten sich nicht an die allgemeinen Interpunktionsregeln, eher betonen die wenigen in Erscheinung tretenden Punkte und Kommata den Inhalt des Gedichts. In den Zeilen 26 bis 29 etwa betont das Fehlen von Punkten am Ende der Sätze, dass es sich hier um eine Aufzählung von Tugenden handelt, die untrennbar miteinander verbunden sind. Ähnliches geschieht auch im zweiten Abschnitt (Zeile 41 bis 44), in dem deutlich gemacht wird, wie belanglos alltägliche Dinge, oder auch Freuden, wie das Essen, das Schlafen, die Liebe und der Anblick der Natur für das lyrische Ich in der Gebrochenheit seines Lebens geworden sind. Ein weiteres Mal findet diese Technik im dritten Abschnitt Verwendung, als dem Leser klar gemacht werden soll, dass er sich nicht von den Taten des lyrischen Ichs distanzieren kann, er verstehen soll, dass er zwar behaupten kann, er hätte sich in der Situation des lyrischen Ichs anders verhalten, dies aber keine Garantie dafür ist, dass er es tatsächlich getan hätte. Eben, dass die Übergänge zwischen den möglichen Verhalten der Personen fließend sein können.

Inhaltlich wird das Hauptthema durch den einleitenden Satz „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“ (Zeile 2) in Verbindung mit der Zeit, in der das Gedicht verfasst wurde, deutlich. Nachdem Brecht von 1933 an im Exil lebte, ist klar, dass mit „finsteren Zeiten“ der zu dieser Zeit in Deutschland herrschende Nationalsozialismus gemeint ist, wegen dem Brecht das Land verlassen musste. In der darauf folgenden Strophe betont der Autor bereits, dass das „arglose Wort (...) töricht“ (Zeile 4) geworden sei, was sich offensichtlich darauf bezieht, dass in Zeiten wie der des Dritten Reichs Dichtung nicht einfach nur naiv auf andere, weniger gewichtige Themen ausgerichtet war, sondern sich ganz deutlich mit der politischen Lage auseinandersetzen musste. Dies richtet sich vermutlich besonders an die zu dieser Zeit noch immer weit verbreitete Naturdichtung, die politisch keinerlei Stellung bezog. Mit der in derselben Zeile erwähnten „glatte(n) Stirn“, die „auf Unempfindlichkeit hin“ (Zeile 5) deute, bezichtigt Brecht alle, die nicht über die schlimme Situation der Nation grübeln, als desinteressiert und emotionslos. Menschen, die in solchen Zeiten noch die Fähigkeit hätten, zu lachen und Freude zu empfinden, sollten die Situation laut den folgenden Zeilen der ersten Strophen lediglich noch nicht verinnerlicht, oder gar verstanden haben.

Der Bezug auf die Naturdichtung wird in der zweiten Strophe noch deutlicher, als er ganz konkret „Ein Gespräch über Bäume fast“ (Zeile 9) als Verbrechen bezeichnet, weil die Dichter so ihre wertvolle Zeit vergeudeten, um über etwas Unwichtiges wie Bäume zu schreiben, während sie in dieser Zeit eben die Verbrechen des Nazi-Regimes hätten anprangern, oder wenigstens lyrisch verarbeiten und die Leser darauf aufmerksam machen können. Gleichzeitig macht Brecht aber nicht nur seinen Kollegen schwere Vorwürfe, in den Zeilen 11 bis 13 reagiert er auch mit Unverständnis auf Menschen, die offensichtlich in der Lage sind, selbst ruhig und unbehelligt während der Herrschaft des Regimes über die Straße zu gehen, obwohl anderswo Menschen, die sie sonst als ihre Freunde bezeichnen, unter eben dieser Herrschaft leiden müssen und ihre Hilfe gebrauchen könnten. Vor sich selbst macht er jedoch auch nicht halt. Er gesteht sich zwar ein, dass er sich noch ernähren könne, sich aber dessen bewusst sei, dass er selbst es durch nichts, was er getan habe, rechtfertigen könne, dass es ihm besser ginge als denen, die unter dem Nationalsozialismus zu leiden hätten (Zeile 14 bis 16). Seine eigene Flucht ins Exil bezeichnet er lediglich als Zufall, wenn ihn sein Glück verließe, sei er verloren, was weiterhin betont, dass er sein Schicksal nicht als ein Besonderes zu sehen scheint (Zeile 17 bis 18). Wo er bereits in der zweiten Strophe Dichter anklagt, die ihre Zeilen praktisch für den falschen Zweck verschwenden, klagt er sich selbst in den Zeilen 19 bis 23, der vierten Strophe, der Völlerei an. Er klagt an, dass er nicht haben dürfe, was anderen fehle, und betont so wieder einmal, dass er sein Schicksal nicht als Geschenk, sondern nur als Zufall ansieht. In der finalen Strophe des ersten Abschnitts stellt Brecht dann auch auf, wie er zu sein wünschte. Er beschreibt, dass er gerne weise, furchtlos, tugendhaft und uneigennützig wäre, dies aber nicht sein könne, woraufhin er den Einleitungssatz „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“ gleichzeitig als Begründung und Resultat wiederholt. Dieser erste Abschnitt ist durchweg im Präsens gehalten. Damit stellt er eine Art Standortbestimmung dar, den Ausgangspunkt dessen, was den „Nachgeborenen“ vermittelt werden soll.

Der folgende, zweite Abschnitt ist im Präteritum verfasst worden, daher beschreibt er offensichtlich die Ereignisse der Vergangenheit. Ebenfalls offenbart dies ein großes Maß an Resignation über die Geschehnisse ebendieser Vergangenheit. Brecht beschreibt in diesem Abschnitt die Zeit des aufkeimenden Nationalsozialismus, was durch die „Zeit des Aufruhrs“ (Zeile 37) klar gemacht wird. Auch wenn er in den folgenden Strophen verdeutlicht, dass er alles gegeben habe, um den Kampf gegen die frühen Nazis zu gewinnen und alles andere für ihn damals bedeutungslos gewesen sei („Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten“, Zeile 41, „Der Liebe pflegte ich achtlos“, Zeile 43, usw.), gibt er doch bereits in der letzten Zeile der zweiten Strophe des zweiten Abschnitts zu, dass er nichts habe ausrichten können.

In der darauf folgenden Strophe verwendet er für die damalige Situation Deutschlands das Wort „Sumpf“ (Zeile 47), das heute untrennbar mit dem Nationalsozialismus verbunden ist, und zwar in der Metapher „brauner Sumpf“. Dieser „Sumpf“ sollte metaphorisch trocken gelegt, die Nazis aufgehalten werden. Auch offenbart er, dass er hofft, zumindest in der Lage gewesen zu sein, der NSDAP lästig zu sein, so sie ohne ihn „sicherer saßen“. Dies relativiert er eine Strophe später allerdings auch schon wieder mit der Aussage, dass „Die Kräfte“ (Zeile 53) gering gewesen seien, und das finale Ziel zwar sichtbar, aber für ihn unerreichbar gewesen sei. So gesteht er sich ein gewisses Gefühl der Ohnmacht zu; er habe letztlich zwar gewusst, was er wollte, aber nicht, was er tun sollte, um es zu bekommen. Die letzten zwei Zeilen jeder Strophe des zweiten Abschnitts sind identisch und verdeutlichen hauptsächlich, dass das lyrische Ich aus seiner persönlichen Vergangenheit erzählt. Gleichzeitig ist der Satz „So verging meine Zeit / Die auf Erden mir gegeben war.“ (Zeile 45 bis 46) pure Resignation, ein wiederholtes Zugeständnis, dass Brecht offensichtlich nicht in der Lage war, praktisch etwas auszurichten. Es wirkt beinahe wie ein Mantra, das dazu genutzt wird, Vergebung oder wenigstens Verständnis zu erflehen.

Der dritte Abschnitt wiederum ist vorwiegend im Futur gehalten. Er stellt so etwas wie einen an die „Nachgeborenen“, die kommenden Generationen, gerichteten Monolog der damaligen Exildichter dar. Diese konnten zwar jegliches Übel innerhalb Deutschlands wahrnehmen, aber nicht verhindern, was durch die Anrede „Ihr“ (Zeilen 60, 64, 76, usw.) aus der Perspektive des „wir“ (Zeile 61, 66 usw.) klar wird. Dieser Abschnitt wird hauptsächlich dazu genutzt, die Unterschiede der Perspektiven der damals lebenden Menschen und der „Nachgeborenen“ aufzuzeigen. „Gedenkt / Wenn ihr von unsern Schwächen sprecht / Auch der finsteren Zeit / Der ihr entronnen seid“ verdeutlicht, dass andere Menschen nicht in der Lage seien, über die Handlungen der damals betroffenen Personen wirklich korrekt zu urteilen, ohne sich jemals in dieser Situation befunden zu haben; womöglich sogar genau so oder auch schlechter gehandelt hätten.

Ebenso geht es Brecht darum, zuzugestehen, dass in diesen „finsteren Zeiten“ auch er selbst und seine Mitmenschen von Zorn beherrscht worden seien. Zwar sei dies „Zorn über das Unrecht“ (Zeile 72) gewesen, aber auch dieser „macht die Stimme heiser“ (Zeile 73). Dieser Zorn soll sie so beherrscht haben, dass sie selbst nicht in der Lage waren, freundlich zu sein, obwohl sie „den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit“ (Zeile 74). In der finalen Strophe des dritten Abschnitts, und des gesamten Gedichts lässt der Autor dann allerdings doch Zuversicht und Optimismus durchscheinen. Er zeichnet mit den Zeilen „Ihr aber, wenn es soweit sein wird / Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist / Gedenkt unsrer / Mit Nachsicht“ das Bild einer utopischen Zukunft, in der die Menschen getreu seiner sozialistischen Ansichten in Frieden miteinander leben. Außerdem ist „Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist“ (Zeile 77) so etwas wie eine direkte Antwort auf den berühmten Satz „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ („Homo homini lupus“, Plautus, etwa 200 Jahre v. Chr.).

In der heutigen Zeit wirkt der Abschluss des Gedichtes zwar eher unfreiwillig komisch – eben, weil ein Utopia ferner zu sein scheint denn je – , dennoch aber hinterlässt „An die Nachgeborenen“ einige Eindrücke beim Leser. Brecht vermittelt glaubwürdig seine Hilflosigkeit gegenüber der Situation, scheint dennoch aber nicht gewillt zu sein, einfach aufzugeben und nichts mehr zu tun. Dabei ist er sich dessen bewusst, dass das, was er tun kann, eben darüber zu schreiben, zwar nicht genug ist, hegt aber dennoch die Hoffnung, dass es etwas nützt. So ist „An die Nachgeborenen“ gleichzeitig Bekenntnis, Vergangenheitsbewältigung und Botschaft. Dadurch ist das Gedicht auch in der heutigen Zeit relevant, alleine schon wegen der Botschaft, die an einen Ausruf wie „Wehret den Anfängen!“ erinnert und hier zumindest von einem Menschen verbreitet wurde, der wusste, wovon er schrieb.

Interpretation: „Revolutionen. Letzter Stand“

Kurt Drawerts „Revolutionen. Letzter Stand“, veröffentlicht im Jahr 2002, ist ein gesellschaftskritisches, politisches Gedicht. Es ist eine Hommage an Bertolt Brechts „An die Nachgeborenen“, dessen Autor es auch gewidmet ist, und handelt vom Tausch der Positionen eines Vorsitzenden eines Schriftstellerverbandes und dessen Stellvertreters.

Das Gedicht besteht aus drei Strophen, der Rhythmus ist frei und es verfügt über kein Reimschema. Die erste Strophe besteht aus einem Satz und stellt eine Einleitung dar, die zweite Strophe besteht aus zwei Sätzen und beinhaltet den hauptsächlichen Text, die dritte Strophe besteht aus einem Satz und ist ein Resümee. Die erste Strophe bezieht sich unmittelbar auf Brechts „An die Nachgeborenen“. Der eine letzte Baum, „verkrüppelt im Hof“ (Zeile 2) ist bei Drawert wie bei Brecht eine Metapher für Naturgedichte beziehungsweise deren Autoren. Für sich stehend wirkt dieser Satz jedoch völlig sinn- und zusammenhanglos, ohne Kenntnis des Brecht-Gedichts ist er unverständlich. Wenn man den Bezugspunkt bedenkt, kann er jedoch so weit interpretiert werden, dass er zunächst ein bewusster Hinweis auf „An die Nachgeborenen“ ist und dessen Thematik in eine Zeit zu ziehen versucht, in der es noch weniger als je zuvor angemessen ist, dass Dichter etwas wie Naturgedichte verfassen, statt sich mit dem politischen Zeitgeschehen auseinanderzusetzen.

Völlig von der ohne dieses Wissen kryptisch wirkenden ersten Strophe losgelöst ist dann auch – auf den ersten Blick – die zweite Strophe. In dieser berichten „zwei ostdeutsche Grubenarbeiter“ (Zeile 4) von den Vorgängen innerhalb eines „Schriftstellerverbandes von C.“ (Zeile 5), in dem der Vorsitzende durch seinen eigenen Stellvertreter ausgewechselt würde, selbst wiederum dessen Position einnähme. An sich hat diese Erzählung keinen tieferen Sinn, vielmehr soll sie, genau wie die erste Strophe, verdeutlichen, wie redundant einige Aspekte deutscher Dichtung geworden sind. Für zwei ostdeutsche Grubenarbeiter ist es ein Thema, was bürokratisch in einem Schriftstellerverband vorgeht, während tatsächlich dichterische Aussagen bedeutungslos geworden zu sein scheinen. Die Ironie dieser Strophe wird noch besonders dadurch hervorgehoben, dass sie sprachlich sehr rational wirkt und so an die Nüchternheit erinnert, mit der die Texte von tatsächlichen Nachrichtensprechern, als die die Grubenarbeiter hier fungieren, oder auch seriösen Zeitungsjournalisten formuliert werden.

Der Satz, der die letzte Strophe darstellt, überspitzt die Ironie noch weiterhin. Die dort genannten „Unruhen von vergleichbarem Ausmaߓ (Zeile 12 bis 13) sind dermaßen übertrieben bezeichnet, dass sie dem Leser förmlich in das Gesicht springen. Hierdurch wird vermittelt, wie irrational es ist, dass solche „Unruhen“ wegen dergleichen Lappalien geschehen, während anderswo auf der Welt Dinge geschehen, die wahre Unruhen in Schriftstellerverbänden und unter Dichtern und Autoren auf der ganzen Welt wert wären.

An sich wäre Drawerts „Revolutionen. Letzter Stand“ nahezu unverständlich, würde es nicht über eine Widmung an Bertolt Brecht verfügen. Man muss den Bezug zu Brechts „An die Nachgeborenen“ herstellen, um die tatsächliche Bedeutung des Gedichts annähernd nachvollziehen zu können, andernfalls stolpert man maximal über die Ironie, ohne aber das gesamte Bild dahinter erkennen zu können. So stellt „Revolutionen. Letzter Stand“ allerdings eine gelungene Ergänzung, ja Aktualisierung zu Brechts Werk dar, die es bereit für ein neues Jahrtausend und eine Zeit der Aufwertung von Lappalien macht, wie Brecht es sich vermutlich nicht hätte träumen lassen.

Einordnung in die jeweilige Phase des Autoren

Bertolt Brechts „An die Nachgeborenen“ gehört zu den Svendborger Gedichten, was konkret bedeutet, dass das Gedicht in Dänemark, genauer in der dänischen Hafenstadt Svendborg, entstanden ist, wohin Brecht nach dem Reichstagsbrand mit seiner Familie geflohen war. Dort verfasste er ab 1933 im Exil hauptsächlich, nahezu ausschließlich politische Gedichte, die dem Kampf gegen den Faschismus gewidmet waren. Zu dieser Zeit sympathisierte Brecht bereits lange mit dem Kommunismus, auch wenn er nie Mitglied der KPD war. Während er sich im Exil befand, wurde ihm 1935 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, 1939 zog er mit seiner Familie wegen des Krieges nach Schweden. Sein Exil, seine Flucht vor dem Nationalsozialismus ist die Hauptthematik von „An die Nachgeborenen“. Er umschreibt darin seine Unfähigkeit, aus dem Exil heraus praktisch etwas gegen den Nationalsozialismus zu tun, gleichzeitig ist es aber auch ein Versuch, überhaupt etwas dagegen zu unternehmen. Es ist seine Möglichkeit, sein offensichtliches schlechtes Gewissen etwas zu beruhigen, in dem er sich von der Seele schreibt, was ihn belastet und auch anderen die Möglichkeit gibt, sich in dem Gedicht selbst wieder zu finden und zu verstehen, dass sie zwar in einem gewissen Maße mitschuldig sind an dem, was passiert, aber trotzdem dafür nicht einfach verurteilt werden können.

Die Biografie Kurt Drawerts ist natürlich aufgrund der unterschiedlichen Zeiten, in denen beide Dichter leben, beziehungsweise gelebt haben, weit weniger spektakulär. Außerdem ist die Zeit, die Drawert in der DDR verbracht hat, und in der er dieses System kennen gelernt hat, bereits lange vorüber gewesen, als „Revolutionen. Letzter Stand“ 2002 in seinem Gedichtband „Frühjahrskollektion“ veröffentlicht wurde. Generell ist seine Sicht des Kommunismus und Sozialismus als politisches System gänzlich anders, als die, die Brecht hatte. Er hat die DDR als Belastung seines täglichen Lebens wahrgenommen, da er in sie, und damit in ein marodes System hineingeboren wurde, während Brecht die Anfänge der DDR miterlebt und befürwortet, sich später aber zumindest teilweise von der SED distanziert hat.

Fakt ist, dass sich Kurt Drawert ganz klar mit Bertolt Brechts Werk auseinandergesetzt hat. Drawert wuchs in der DDR auf, Brecht erhielt immerhin den Nationalpreis der DDR – Drawert muss daher bereits in seiner Schulkarriere auf die Werke Brechts getroffen sein. Zumindest hat Drawert offensichtlich irgendwann „An die Nachgeborenen“ für sich entdeckt und mit „Revolutionen. Letzter Stand“ sogar eine moderne Ergänzung dafür verfasst. Der Titel bereits ist auch als Referenz an Bertolt Brecht zu sehen, der als – mindestens – Sympathisant des Kommunismus vermutlich auch an die Revolution geglaubt hat, wie der Abschluss von „An die Nachgeborenen“ mit „Ihr aber, wenn es soweit sein wird / Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist“ (Zeile 76 bis 77) belegt.

Biografisch unterscheiden sich beide Dichter drastisch. Bertolt Brecht wuchs während des Ersten Weltkriegs auf, Kurt Drawert während des Kalten Krieges. Daher kann man hier natürlich nicht von einer gegenseitigen künstlerischen Befruchtung sprechen, diese Beziehung ist absolut einseitig. Drawert bezieht sich auf Brecht, nicht umgekehrt.

Vergleich

Die offenkundigste Differenz zwischen den zwei Gedichten „An die Nachgeborenen“ von Bertolt Brecht und „Revolutionen. Letzter Stand“ von Kurt Drawert ist die äußerliche. Brechts Werk ist in insgesamt dreizehn Strophen aufgebaut, während Drawerts Gedicht nur aus drei Strophen und insgesamt vier Sätzen besteht. Gemeinsam ist beiden Texten, dass in ihnen auf Reime verzichtet wurde, sie rhythmisch frei geschrieben sind und die Sprache jeweils überaus rational wirkt, es ihr aber dennoch nicht an Pathos mangelt.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist dadurch auch, dass der Ton beider Texte stark prosaisch wirkt. Im Prinzip stellen sie beide Prosa-Texte dar, die in Strophen eingeteilt worden sind. Hier unterscheiden sie sich jedoch dadurch, dass „Revolutionen. Letzter Stand“ dem auch äußerlich entspricht, eben bis auf die Einteilung in Strophen und die scheinbar willkürlichen gesetzten Enjambements. Interpunktion und Groß-/Kleinschreibung jedenfalls werden korrekt verwendet, wie es auch in einem zusammenhängenden Text normalerweise der Fall ist. In „An die Nachgeborenen“ jedoch wird die Interpunktion scheinbar als Stilmittel verwendet, das Fehlen von Kommata und Punkten an einigen Stellen folgt einem offensichtlichen Zweck. Was zusammengehört, wird nicht durch Kommata getrennt (Zeile 26 bis 30), was gleichgültig scheinen soll, dessen Gleichgültigkeit wird unterstrichen (Zeile 41 bis 44).

Brecht greift auch auf Stilmittel wie Wiederholungen zurück. So steht zu Beginn wie zu Ende des ersten Abschnitts seines Gedichts „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten“ (Zeile 2 und 33), im zweiten Abschnitt wird in den letzten zwei Zeilen jeder Strophe „So verging meine Zeit / Die auf Erden mir gegeben war“ wiederholt. Ein solches Stilmittel verwendet Drawert nie, was allerdings in erster Linie in der Kürze seines Gedichts zu begründen sein dürfte, die dergleichen kaum ermöglicht. Hier taucht lediglich in der zweiten Strophe so etwas wie eine Wiederholung auf, als wiedergegeben wird, wie der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes und sein Stellvertreter ihre Positionen innerhalb des Schriftstellerverbandes tauschen, was ungleich simpler ist, dennoch aber eine Wirkung auf den Leser hat, auf den der sprachliche Stil des Gedichts dadurch noch erheblich nüchterner wirkt als zuvor, da solche Repetitionen in so kurzer Abfolge eher maschinell als menschlich oder eloquent wirken.

Inhaltlich jedoch ist das Drawert-Gedicht wesentlich schwieriger zugänglich, als es bei dem Vorbild Brechts der Fall ist. „An die Nachgeborenen“ ist nach kurzem Bedenken des Einleitungssatzes „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“ einfach zu deuten. Sobald klar geworden ist, dass mit den „finsteren Zeiten“ das Dritte Reich gemeint ist, fällt dem Leser die restliche Interpretationsarbeit praktisch in den Schoß. Die Tempuswechsel von Abschnitt zu Abschnitt, während die Abschnitte praktischerweise auch noch durch Zahlen voneinander unterteilt sind, verdeutlichen die unterschiedlichen Ansätze jedes Abschnitts absolut eindeutig.

Bei Drawert hingegen ist jegliches Verständnis von „Revolutionen. Letzter Stand“ davon abhängig, ob man „An die Nachgeborenen“ kennt. Ohne diese Kenntnis verläuft jeglicher Interpretationsansatz im Sande, da kein Gedanke so eindeutig formuliert ist, dass man ansatzweise eine klare Linie finden kann, die nur in eine mögliche Richtung führt. Alleine die erste Strophe „Zu schnell hatte ich aufgegeben und sah / von den Bäumen nur noch den einen verkrüppelt im Hof“ führt so eher in die Irre, als dass sie wie die Einleitung in Brechts Gedicht etwas aufklären würde. Doch stellt sie auch einen Schlüssel dar, ganz genau wie die Einleitung – nur nicht zum Gedicht selbst, sondern zu einem anderen Gedicht. Dieser eine Satz ist eine so offensichtliche Referenz an „An die Nachgeborenen“, dass jeder, der dieses kennt, ab hier sicher ist, zu wissen, worauf Drawert mit der Widmung an Brecht, und dem Gedicht selbst hinaus möchte. Verfehlt man diesen Ansatz jedoch, verleitet einen der Satz dazu, voller Verzweiflung in dutzende falscher Richtungen zu blicken, ohne auch nur den Schatten einer Lösung zu erhaschen. Der Leser versucht verzweifelt, den Baum als Metapher für irgendetwas zuzuordnen, sieht aber wortwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht. Auch die folgenden zwei Strophen sind kryptischer als das gesamte dreizehnstrophige Brecht-Gedicht. In der dritten Strophe erkennt man zwar spätestens die Ironie, die der Verfasser durchblitzen lässt – die zweite Strophe irritiert Nichtkenner der „Nachgeborenen“ lediglich weiterhin, auch wenn Interpretationsmöglichkeiten hier deutlich weniger breit gefächert sind, als zuvor.

In sich sind beide Gedichte ebenfalls auch komplett unterschiedlich geschrieben. Sicherlich ist die sprachliche Nüchternheit beiden gemein, doch fällt sie in „An die Nachgeborenen“ dennoch wesentlich persönlicher aus, als es in „Revolutionen. Letzter Stand“ der Fall ist. In ersterem ist das lyrische Ich mit Bertolt Brecht identisch, etwas Vergleichbares findet man in Kurt Drawerts Gedicht annähernd nur in der ersten Strophe, die allerdings auch schon wesentlich vager ausfällt, als es beim fantasievollsten Satz der Fall ist, den Brechts Vorlage enthält.

  Fazit

Letztlich ist Kurt Drawerts „Revolutionen. Letzter Stand“ ohne Bertolt Brechts „An die Nachgeborenen“ absolut unverständlich, gar nahezu bedeutungslos. Was nicht unbedingt negativ zu werten ist. Es ist eben kein für sich stehendes Gedicht, sondern eine Hommage; gleichzeitig auch eine Ergänzung und Aktualisierung. Eine Modernisierung, die ein Gedicht wieder in Erinnerung ruft, dessen Inhalt größtenteils zeitlos ist, das aber dennoch einen moderneren Bezug verdient hat.

Leider ist dieser wohl nicht unbedingt im Sinne Brechts, der, wie der finale Satz seines Gedichts belegt, wohl eher an eine glückliche, friedliche Zukunft im Sinne des Sozialismus geglaubt hat, sondern er belegt eher, dass Dichter und Autoren wie Bertolt Brecht noch immer gebraucht werden. Während andererseits allerdings lyrische und prosaische Stilistiken vorherrschen, die der Naturdichtung in Anbetracht ihrer politischen Unbedarftheit nicht unähnlich sind. Es stellt sich eben so dar, dass gerade Trivialliteratur stark vorherrscht, politisch wie gesellschaftskritisch aber weitestgehend aussage- und bedeutungslos bleibt. Selten zuvor in der Literaturgeschichte dürfte der Satz „Lesen bildet“ so unzutreffend gewesen sein, wie in der heutigen Zeit, in der aussagelose – und auch oft erschreckend schlecht geschriebene – Trivialliteratur den Markt und die Nachttische der Menschen beherrscht.

Da ist es durchaus angebracht, darauf aufmerksam zu machen, dass es noch immer – in unmittelbarer Nähe – unter Kriegen und Hunger leidende Menschen gibt, deren Leid irgendwie erwähnt werden sollte, besonders wenn sich Schriftsteller sogar eher mit den von Drawert angeprangerten bürokratischen Scharmützeln beschäftigen, statt ihre Zeit zu nutzen, um etwas Bedeutungsvolles zu schaffen. Selbst, wenn es dafür nicht einmal unbedingt nötig wäre, einen revolutionär neuen Ansatz zu verfolgen. Genügen würde es womöglich schon, sich nicht nur immer in Fantasiewelten vor der Realität zu verstecken, kritische Inhalte können sonst solide Prosa oder Dichtkunst in solch „finsteren Zeiten“ sicherlich durchaus aufwerten.

Und trotzdem hat Drawert mehr gewagt, als sich manch anderer Autor trauen würde: Er hat seiner „Fortsetzung“ seinen eigenen, kryptisch fantasievollen Stempel aufgedrückt, indem er eher das Werk Brechts in sein eigenes eingegliedert hat, als sich selbst Brecht anzupassen. Dadurch ist „Revolutionen. Letzter Stand“ zwar nichtsdestotrotz auf jeden Fall eine Ergänzung für „An die Nachgeborenen“, aber eben doch unverkennbar ein Werk Kurt Drawerts, dessen individueller Stil sich überdeutlich herauskristallisiert. Es ist etwas mehr, als nur eine simple Antwort. Eher eine dringliche Gegenfrage.

Quellen

• Kurt Drawert, „Frühjahrskollektion“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002 • Bertolt Brecht, „Die Gedichte in einem Band“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002 • Werner Mittenzwei, „Das Leben des Bertolt Brecht oder Der Umgang mit den Welträtseln“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002 • Dieter Lattmann, „Kennen Sie Brecht?“, Reclam Verlag, Stuttgart 1988 • Poetenladen Online (http://www.poetenladen.de/kurt-drawert.html)

Anhang

Bertolt Brecht

An die Nachgeborenen

1

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende Hat die furchtbare Nachricht Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! Der dort ruhig über die Straße geht Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen. Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt Bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast! Aber wie kann ich essen und trinken, wenn Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt? Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise In den alten Büchern steht, was weise ist: Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit Ohne Furcht verbringen Auch ohne Gewalt auskommen Böses mit Gutem vergelten Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen Gilt für weise. Alles das kann ich nicht: Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

2

In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung Als da Hunger herrschte Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs Und ich empörte mich mit ihnen. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten Schlafen legte ich mich unter die Mörder Der Liebe pflegte ich achtlos Und die Natur sah ich ohne Geduld. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit Die Sprache verriet mich dem Schlächter Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel Lag in großer Ferne Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich Kaum zu erreichen. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war.

3

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut In der wir untergegangen sind Gedenkt Wenn ihr von unsern Schwächen sprecht Auch der finsteren Zeit Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechseln Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir ja: Auch der Haß gegen die Niedrigkeit Verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht Macht die Stimme heiser. Ach, wir Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist Gedenkt unsrer Mit Nachsicht.

Kurt Drawert

Revolutionen. Letzter Stand

(für Bertolt Brecht)

Zu schnell hatte ich aufgegeben und sah Von den Bäumen nur noch den einen verkrüppelt im Hof.

Zwei ostdeutsche Grubenarbeiter berichten, daß der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes von C. abgwählt und der stellvertretende Vorsitzende zum Vorsitzenden ernannt worden ist. Der ehemalige Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Von C. sei nun lediglich stellvertretender Vorsitzender des Schriftstellerverbandes von C.

Aber auch andernorts habe es Unruhen von vergleichbarem Ausmaß gegeben.