TheBestOfTocotronic

ü|ber|be|wer|tet

... wenn man dieses Wort im Lexikon nachschlägt, sollte man eigentlich ein Bild von Tocotronic daneben setzen. Das war meine Meinung vor zehn Jahren, als meine Klassenkameraden auf Tocotronic abgingen wie nichts Gutes, obwohl ich mir mit ihnen eigentlich immer einen Musikgeschmack geteilt hatte.
Das denke ich auch heute noch, als diese Rückschau auf zwölf überaus erfolgreiche Jahre Musikschaffens neben mir aus den Boxen leiert. Aber ich möchte mal anhand der Singles den Weg jener Hassliebe nachvollziehen.
Ich mochte sie nie. Aber ich kenne alle ihre Alben. Dank WGs, Studentenparties, Freundinnen ... klar, ne. Und tatsächlich, irgendwie muss ich zugeben, dass jene frühen Klassiker einer Jugendbewegung, die nie eine sein wollte, etwas haben. Keine gute Musik. Aber Energie. Und Parolen, die haften bleiben. "Freiburg". Was soll ich Worte verlieren.
Zwei jener Lieder, die ich in schwachen Stunden immer als "gut" bezeichnen musste, fehlen auf der Retrospektive ("Michael Ende" - "Die Idee ist gut" gibt's als grottige Demo-Version). Wir kommen zur "Es ist egal, aber"-Ära, als die Band steigende musikalische Ansprüche durch Streicher-Einsatz demonstrieren will, was in etwa so ist, als würde man Kaviar zu Imbissbuden-Pommes servieren.
Zu "KOOK"-Zeiten kippt dann das Bild: Die Band lernt ihre Instrumente, lässt ihren Thrash-Charme hinter sich, Herr von Lowtzow rückt von allzu einfachen Refrain-Lines ab. Es könnte interessant werden. Allein: Das Talent, etwas Substanzielles zu schaffen, fehlt nach wie vor. Das zeigt sich an "Tocotronic", das mitunter musikalisch aufhorchen läßt. Dafür zelebriert Nicht-in-Seattle-Dirk lyrische Metaphysik-Exzesse wie "auf der Erde und im All zerbrechen wir wie ein Kristall" und die Zehennägel rollen sich auf ob dieses Schmonzes. Das tut mehr weh, als es die fehlenden Instrumenten-Skills je vermochten.
Ich erinnere mich an einen unfassbar schlechten Auftritt auf dem Immergut-Festival 2002. Dirk kann definitiv nicht singen, die Band gibt sich kühl-unnahbar und schrammelt gefühlte fünf Stunden lang so höhepunktlos daher, dass selbst den zum Feiern entschlossenen Fans die Füße erfrieren. Eine Platte später hat sich am Grunddilemma nichts geändert: Zur Kunst entschlossen, ohne wirklich etwas bieten zu können. Ex-Roadie Thees Uhlmann ist mit Tomte schon lange da, wo Tocotronic wohl immer hinwollten und nie hinkommen werden.
Die zweite CD der Kollektion, die Perlen für das Fanherz, das nicht in meiner Brust schlägt, möchte ich mir nun nicht mehr antun. Ich brauche etwas Mitreißendes, Grooviges. Nichts also, was Tocotronic bieten können. Retrospektive gelaufen. Da steh ich nun mit schlappem Ohr und wund're mich als wie zuvor.

3/10

uff, was ne grütze. sry, aber son quatsch